Brecht erklärt die Todsünden zu Tugenden
Das Ballett ist im Grunde ein bitteres Werk. Folgende Fabel wird erzählt: Eine Familie aus Louisiana schickt ihre Tochter Anna in die großen Städte, damit sie dort eine Karriere als Tänzerin macht und genügend Geld verdient, um daheim ein schönes Haus bauen zu können. Anna besteht aus zwei Personen — Anna I (die Sängerin, die "Vernünftige", die ihre Schwester managt und dauernd davor warnt, ihrem natürlichen Empfinden nachzugeben) und Anna II (die Tänzerin, das zur Ware degradierte Mädchen), Ein Prolog und ein Epilog umschließen die sieben Stationen des Balletts, die Anna zu durchwandern hat, darstellend zugleich die "Todsünden". Brecht erklärt diese Todsünden zu Tugenden, Sünden sind sie nur für den Kleinbürger, weil dieser sie sich unter den kapitalistischen Bedingungen nicht leisten kann, weil dieser kein natürliches, menschliches Leben führen kann. Weills Musik zeigt ihn auf der Höhe seines europäischen Stils. Der köstlichste Einfall: Die Familie (also die Eltern und Großeltern Annas), die den Weg des Mädchens spießbürgerlich kommentierend begleitet, lässt der Komponist von einem Männerquartett singen, oft auch a cappella. Dabei erreicht der an deutsches Männergesangvereins- Elend erinnernde Satz ein äußerstes Maß an Komik und Karikatur. Prolog und Epilog umschließen als großer Weill- Song die Handlung. In Weills Orchester ist ein Wandel vor sich gegangen. Während seine letzten Werke in Deutschland einen mehr kammermusikalischen Orchesterklang anstrebten, meist von den Bläsern bestimmt, verwendet er in den "Todsünden" ein großes Orchester, das vor allem durch die virtuose Behandlung der Streicher seine Wirkungen erreicht. Zum ersten Mal bei Weill realisiert sich auch die Übernahme von Jazzelementen nicht mehr nur ausschließlich in der Bläsergruppe, sondern im direkten Zusammenspiel von Bläsern und Streichern. Die melodischen Erfindungen Weills sind stark wie immer, aber bis auf die Familienchöre vermeidet die Musik fast gänzlich parodistische Effekte. Die Solosongs erreichen ihre stärksten Wirkungen dort, wo sie unmittelbar kontrastierend gegen das Quartett gesetzt werden.