Weills letzte Arbeit mit Brecht

Holger Falk, Ulf Bunde, Dirk Mestmacher, Simon Wallfisch, Barbara Schedel, Katharina Wiedenhofer (v.l.)

Weills letzte Arbeit mit Brecht

Die sieben Todsünden

Als Weill in Paris ankommt, ist er dort kein Unbekannter. Die französische Version des "Dreigroschenoper"- Films (mit Albert Prejean, Florelle und Margo Lion) lief seit Ende 1931 mit Serienerfolg in den Kinos. Außerdem hatte es am 11. Dezember 1932 in Paris ein exklusives Weill-Konzert mit ganz ungewöhnlichem Erfolg gegeben. Initiiert worden war das Unternehmen von der Kammermusikvereinigung "Serenade", zu deren Mitgliedern sowohl führende Komponisten Frankreichs zählten als auch einige besonders reiche Mäzeninnen, wie die Vicomtesse de Noailles und die Prinzessin Edmonde de Polignac (letztere in den USA gebürtig und Erbin des Nähmaschinenmillionärs Singer). Bei dem Konzert in der Pariser "Salle Gaveau" wurden das "Mahagonny"- Songspiel und "Der Jasager" aufgeführt. Das gesamte Ensemble war aus Deutschland angereist, Weills Freunde Abravanel (musikalische Leitung) und Curjel (Regie) leiteten den Abend, unter den Mitwirkenden waren Lotte Lenya sowie der Chor der Berliner "Jasager"-Uraufführung. Der Erfolg war überwältigend, im Auditorium befanden sich unter anderen Igor Strawinsky, Darius Milhaud, Arthur Honegger, André Gide, Jean Cocteau, Pablo Picasso und Fernand Léger. Die Presse berichtete voller Begeisterung.
Manfred Bittner, Julia Rutigliano (v.l.)

Mischung aus Tanz und Gesang - "mimische Kantate"

Seit diesem Konzert waren erst reichlich drei Monate vergangen, als Weill am 23. März 1933 in Paris eintraf. Auch sein ehemaliger Schüler Maurice Abravanel war aus Deutschland weggegangen, er hatte eine Stellung als Dirigent bei der Pariser Ballett-Truppe "Les ballets 1933" gefunden. Von dort erhielt Weill - durch Abravanels Vermittlung - nun auch sofort einen Kompositionsauftrag für ein Ballett, das die Truppe im Juni aufführen wollte, es war also wenig Zeit für die Arbeit. Bei der Frage, wer für das Libretto in Frage käme, dachte Weill sofort an Brecht. Zum einen war man aufeinander eingespielt und konnte sofort, ohne den Zeitverlust neuer Bekanntschaft und des Studiums der jeweiligen Arbeitsweise, mit der Produktion beginnen. Zum anderen war das Markenzeichen Brecht/Weill - untrennbar verbunden mit der "Dreigroschenoper" - auch in Frankreich bekannt. (…) Weill lud Brecht zur Zusammenarbeit ein. Dieser befand sich auch auf seiner ersten Exilstation, er lebte mit seiner Familie als Gast der Schriftstellerin Lisa Tetzner in Carona/Schweiz. Als Weills Nachricht ihn erreichte, fuhr er sofort nach Paris. Im April/Mai 1933 entstand dort das Ballett mit Gesang in acht Teilen "Die sieben Todsünden der Kleinbürger", Es ist kein herkömmliches Ballett, sondern durch die Aufspaltung der Protagonistin in zwei Personen, eine Sängerin und eine Tänzerin, entsteht eine Mischung aus Tanz und Gesang, eine "mimische Kantate", wie ein Kritiker schrieb.

Brecht erklärt die Todsünden zu Tugenden

Das Ballett ist im Grunde ein bitteres Werk. Folgende Fabel wird erzählt: Eine Familie aus Louisiana schickt ihre Tochter Anna in die großen Städte, damit sie dort eine Karriere als Tänzerin macht und genügend Geld verdient, um daheim ein schönes Haus bauen zu können. Anna besteht aus zwei Personen — Anna I (die Sängerin, die "Vernünftige", die ihre Schwester managt und dauernd davor warnt, ihrem natürlichen Empfinden nachzugeben) und Anna II (die Tänzerin, das zur Ware degradierte Mädchen), Ein Prolog und ein Epilog umschließen die sieben Stationen des Balletts, die Anna zu durchwandern hat, darstellend zugleich die "Todsünden". Brecht erklärt diese Todsünden zu Tugenden, Sünden sind sie nur für den Kleinbürger, weil dieser sie sich unter den kapitalistischen Bedingungen nicht leisten kann, weil dieser kein natürliches, menschliches Leben führen kann. Weills Musik zeigt ihn auf der Höhe seines europäischen Stils. Der köstlichste Einfall: Die Familie (also die Eltern und Großeltern Annas), die den Weg des Mädchens spießbürgerlich kommentierend begleitet, lässt der Komponist von einem Männerquartett singen, oft auch a cappella. Dabei erreicht der an deutsches Männergesangvereins- Elend erinnernde Satz ein äußerstes Maß an Komik und Karikatur. Prolog und Epilog umschließen als großer Weill- Song die Handlung. In Weills Orchester ist ein Wandel vor sich gegangen. Während seine letzten Werke in Deutschland einen mehr kammermusikalischen Orchesterklang anstrebten, meist von den Bläsern bestimmt, verwendet er in den "Todsünden" ein großes Orchester, das vor allem durch die virtuose Behandlung der Streicher seine Wirkungen erreicht. Zum ersten Mal bei Weill realisiert sich auch die Übernahme von Jazzelementen nicht mehr nur ausschließlich in der Bläsergruppe, sondern im direkten Zusammenspiel von Bläsern und Streichern. Die melodischen Erfindungen Weills sind stark wie immer, aber bis auf die Familienchöre vermeidet die Musik fast gänzlich parodistische Effekte. Die Solosongs erreichen ihre stärksten Wirkungen dort, wo sie unmittelbar kontrastierend gegen das Quartett gesetzt werden.

Beinahe wie in alten Berliner Zeiten

Die Uraufführung fand am 7. Juni 1933 im Pariser Théâtre des Champs Elysées statt. Georges Belanchine hatte die Choreografie übernommen, Caspar Neher die Ausstattung, es dirigierte Maurice Abravanel. Die Tänzerin Tilly Losch sowie Lotte Lenya waren die Darsteller der beiden Annas, es tanzte die Truppe "Les ballets 1933". Ein Premierenabend also beinahe wie in alten Berliner Zeiten, der Weill, Lenya, Brecht und Neher vereinigte. Der Emigrant Walter Mehring schrieb in der Exilzeitschrift "Das neue Tagebuch": "Es wurde ein großer Abend. Eine Elite feierte Künstler und Interpreten, wie man sie aus der großen Epoche der deutschen Theaterkunst gewohnt war." Nach dieser Pariser Produktion trennten sich Weill und Brecht endgültig, sie sollten sich zwar später in den USA wieder begegnen, es kam aber zu keiner weiteren künstlerischen Zusammenarbeit.

Jürgen Schebera