Musik aus Theresienstadt

Barbara Schedel, Simon Wallfisch (v.l.)

Musik aus Theresienstadt

Zu Ullmanns "Kaiser von Atlantis"

"Der Kaiser von Atlantis" entstand 1942 in Theresienstadt. Das war der Vorhof zur Hölle, Wartestation für den Abtransport nach Auschwitz. Und trotzdem: Ullmann notierte in seinem Tagebuch: "Die einzige Sache, die es wert ist, erwähnt zu werden, ist ..., dass wir nicht trauernd an den Flüssen von Babylon saßen, sondern dass, unser Wille kreativ zu sein genauso stark war, wie unser Wille zu leben." Die Oper wurde nach der Generalprobe verboten, Notenmaterial und ein Textbuch wurden gerettet. Der Amsterdamer Uraufführung von 1975 folgten 1977 die amerikanische Erstaufführung in San Francisco und 1982 die israelische in Tel Aviv. Erst 1985 kam es zu einer Inszenierung in Deutschland, in Stuttgart. Aufsehen erregte die kongeniale Inszenierung von George Tabori 1987 an der Kammeroper Wien. Es kam 1988 zu Einstudierungen in England (zum Bloomsbury-Festival und in London), 1989 in Berlin (Staatsoper und Kammeroper Neukölln). Seither hat sich die Oper im Spielplan auch kleinerer Bühnen fest etabliert, so in der interessanten und schlüssigen Koppelung mit der Kammeroper des Schostakowitsch-Schülers Wenjamin Fleischmann "Rothschilds Geige" 1996 in Neustrelitz. 1998 kam es zu einer erneuten Inszenierung in den USA, nun in New York.

In Auschwitz vom "Gärtner Tod" reden?

Der Textdichter Petr Kien (1919 - 44) war vor allem Graphiker, aber auch als Karikaturist, Dichter und Musiker begabt. Mit 25 Jahren ging er mit seinen Eltern freiwillig in den Tod nach Auschwitz. Nicht als mittelalterlichen Sensenmann will Kien den Tod verstanden wissen, sondern als "Gärtner". Das ist eine anthroposophische Vorstellung, zugleich eine Gegenmetapher zum bewusstlosen, unterschiedslosen Tod im Zeitalter der Vermassung. Als "Gärtner Tod jäte ich welkes Laub ..., mähe reifes Korn", verspricht der Tod in der Oper. Er kommt also zur rechten Zeit. Ein "zeitgemäßer Tod". Auch in Auschwitz? Mit dem Satz "Du sollst den großen Namen Tod nicht eitel beschwören", endet das Spiel, gesungen auf die Melodie des Luther-Chorals "Ein feste Burg ist unser Gott", der von diversen Machthabern selbst oft missbraucht, das heißt eitel beschworen wurde.

Der Ausdehnung nach klein, dem Gehalt nach gewaltig

Laut Petr Kien hebt die Oper mit "Harlekin und Tod im Ausgedinge" an. Wie wäre das anders zu musizieren als im Gestus eines Arnold Schönberg, Alban Berg und Gustav Mahler? Musik als Chiffre einer von den Nazis ins "Ausgedinge" verbannten Musik. Erinnerungsloses, ungelebtes Leben tut sich in den Figuren von Soldat und Bubikopf kund, definiert durch Versatzstücke des Gesellschaftstanzes und des Jazz. Irritierend ist, dass der eindeutig als Diktator und Gewaltherrscher brutalster Art definierte Kaiser von Atlantis mit dem aufschlussreichen Namen Overall, Hitler und Stalin vergleichbar, zum Opfergang in den Tod bereit ist und von Kien und Ullmann mit einer Arie von großer Schönheit und Zeitlosigkeit versehen wurde. Nahm Petr Kien sein eigenes Schicksal vorweg? "Der Kaiser von Atlantis" ist eine ihrer Ausdehnung nach kleine, ihrem Gehalt nach gewaltige Oper: Der Tod fungiert als dramatisch zuspitzendes, die Lebenswirklichkeit klärendes Element.

Siegrid Neef